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Datum: 14.07.2017
Rubrik: Gesellschaft

Wenn alle Fäden zusammenlaufen

Verein „Eltern helfen Eltern“ e.V. betreute Lucas von der ersten bis zur zwölften Klasse / Schüler machte Abi mit 1,6

Bernau (fw). Bei Lucas Kühling sind „alle Fäden zusammengelaufen“. So beschreibt Birgit Lembke-Steinkopf, Leiterin der Beratungsstelle von „Eltern helfen Eltern“ e.V. in Bernau, den schulischen Erfolg des körperbehinderten Jugendlichen. Er machte in diesem Jahr sein Abitur mit einem Schnitt von 1,6 am Paulus-Praetorius-Gymnasium. Seine Eltern, die Schule und der Verein boten dafür die nötigen Voraussetzungen. Doch den guten Abschluss hätte er nicht geschafft, wenn er es nicht selbst gewollt hätte. „Lucas war von Anfang an sehr ehrgeizig. Er war niemand, der zum Lernen gezwungen werden musste“, berichtet Angelika Pruß. Die Einzelfallbetreuerin, die bei „Eltern helfen Eltern“ angestellt ist, vereinfachte den Schulalltag von Lucas. Vom Tragen der Mappe über das Anund Ausziehen der Jacke bis zur Hilfestellung beim Halten des Lineals übernahm sie sämtliche Aufgaben. Sie war seit der ersten Klasse an seiner Seite und beide wurden zu einem eingespielten Team. An der Schule hat sich der gebürtige Berliner, der seit dem Jahr 2000 in Birkholzaue lebt, von Anfang an wohl gefühlt. „Mobbing hat es hier nie gegeben“, sagt Lucas in Bezug auf seine Mitschüler. In seiner Klasse war auch Zwillingsbruder Philipp. Laut Vater Ulrich stellte er einen Hauptansporn für Lucas dar. Zwischen beiden entstand eine Konkurrenzsituation, die scheinbar beide Schüler positiv befl ügelte, denn auch Philipp kann mit einem Schnitt von 1,4 ein sehr gutes Zeugnis vorlegen. Stolz sind die Eltern auf beide Kinder. Sie haben einen großen Anteil daran, dass ihre Söhne das Abitur so erfolgreich bestanden haben. Das gilt nicht nur für die Förderung im schulischen Bereich, sondern auch für die Schaffung eines entsprechenden Umfeldes. So konnte Lucas, bei dem Sauerstoffmangel bei der Geburt eine Tetraspastik verursachte, alle Klassenfahrten mitmachen, weil Papa Ulrich immer dabei war. Das Zusammenspiel aller Beteiligten habe die Voraussetzung für den Bildungserfolg geschaffen, ist sich Schulleiter Ingolf Hansch sicher. „Lucas hat sich aber allein durchgebissen und den Gedanken, das Abitur zu schaffen, verinnerlicht“, so Hansch. Er hob auch hervor, dass der 18-Jährige auch für andere Schüler da gewesen sei und sich für sie eingesetzt habe. „Das war ein Gewinn für alle, weil er sein Potenzial ausschöpfte und anderen auch noch Impulse gab“, sagt der Schulleiter. So funktioniere seiner Meinung nach Inklusion. An dem Gymnasium gibt es noch andere Schüler mit körperlichen Einschränkungen. Das Ziel sei es zwar, sie im Alltag zu integrieren, aber der Leistungsanspruch sei für alle gleich. Nach dieser erfolgreichen Etappe steht für Lucas nun der nächste Lebensabschnitt an. Er möchte an der Freien Universität Berlin Psychologie studieren. Das stellt seine Familie vor neue Herausforderungen, denn auch an der Uni muss der Studienalltag organisiert werden. Der Verein „Eltern helfen Eltern“ kann keine Betreuung mehr stellen, da dies fi nanziell nicht möglich sei. Mitte August entscheidet sich, ob Lucas an der von ihm gewünschten Hochschule studieren kann. Die Betreuung könnte dann durch das so genannte „persönliche Budget“ sichergestellt werden. Dadurch können verschiedene Aspekte einer Betreuung, zu der unter anderem auch der Transport gehört, durch verschiedene Träger, die dafür engagiert werden, gewährleistet werden. Birgit Lembke-Steinkopf und Angelika Pruß stehen der bevorstehenden Veränderung mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sie freuen sich auf der einen Seite für Lucas, doch sind auch traurig, dass sie ihn nicht mehr begleiten. Schließlich war seine Einzelfallbetreuerin von der ersten bis zur zwölften Klasse immer an seiner Seite. „Wir werden aber in Kontakt bleiben und seinen Weg weiterhin verfolgen“, ist sich Birgit Lembke-Steinkopf sicher. Alles andere wäre auch kaum vorstellbar, denn schließlich haben alle gemeinsam eine Menge in Bezug auf Inklusion von Menschen mit Handicap in Barnimer Bildungseinrichtungen bewegt.

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