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Datum: 01.12.2017
Rubrik: Gesellschaft

An Respekt für Anderssein fehlt es zu oft

Gedankenaustausch zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zum Thema Diskriminierung


Hoppegarten (bey). „Mach mich nicht an! Aktiv gegen Diskriminierung", schon mit dem Namen der Veranstaltung wollten die Organisatoren provozieren und luden vor wenigen Tagen in den Gemeindesaal. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Behinderte gegen Diskriminierung wehren können.


Hans-Jürgen Malirs, seit einem halben Jahr Behindertenbeauftragter der Gemeinde, hatte die Idee zu diesem Treffen und initiierte es gemeinsam mit Vertretern des Landkreises Märkisch-Oderland und der Wohnstätte Hönow vom Verein Lebenshilfe Brandenburg. „Wir möchten einen Gedankenaustausch zwischen Behinderten und Nichtbehinderten anregen", betonte Malirs zu Beginn der Veranstaltung. Er wisse aus eigener Erfahrung, wie wichtig es sei, miteinander ins Gespräch zu kommen. „Weil dadurch viele Probleme, die oft aus Unkenntnis oder Unwissenheit entstehen, vermieden werden können", ist der Behindertenbeauftragte überzeugt.


Außerdem sollte die Veranstaltung dazu dienen, den Besuchern „Argumentationshilfen zu liefern und ihnen aufzeigen, welche gesetzlichen Möglichkeiten es zur Wehr gibt."


Die meisten der rund 20 Gäste – überwiegend Nichtbehinderte – erhofften sich von dem Info-Nachmittag „neue Impulse und Anregungen im Umgang mit behinderten Menschen", wie es eine ältere Dame formulierte. Christian Klahr, Hönower Ortsvorsteher und Mitglied im Seniorenbeirat der Gemeinde, sagte: „Dieses wichtige Thema betrifft uns alle." Aus seiner Sicht würden sich die Gemeindevertreter noch zu wenig damit beschäftigten. Gerade aus demografischer Sicht sei das aber unverzichtbar. „Die Menschen werden immer älter, da gibt es in Sachen Verkehrssicherheit und Mobilität noch viel Nachholebedarf", betonte der Hönower.


Während der fast zweistündigen Veranstaltung gab Sigrid Arnade, Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. nicht nur ihr Fachwissen weiter, sondern bezog von Beginn an die Zuhörer mit ein. So wurden Zettel verteilt, auf denen jeder seine eigenen, diskriminierenden Erlebnisse notieren sollte. Wer wollte, durfte anschließend öffentlich darüber berichten. Es wurden Beispiele genannt, bei denen Behinderte aus Krankenhäusern entlassen wurden und ihnen noch Kanülen im Arm steckten. Eine Mitarbeiterin der Wohnstätte Hönow des Lebenshilfe Brandenburg e.V. erzählte unter anderem von Frauen und Männern, die wegen ihrer Auffälligkeiten aus Behindertenwerkstätten geflogen seien.


Margot Pietsch sprach über „diskriminierende Erlebnisse", die ihr Mann Konrad, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, schon mehrmals am eigenen Leib durchmachte. „Wenn Krankenhäuser nicht barrierefrei sind und behinderte Patienten die öffentlichen Toiletten benutzen müssen, finde ich das sehr unmenschlich", erklärte die Altlandsberger Behindertenbeauftragte.


Andere negative Erlebnisse bezogen sich unter anderem auf öffentliche Verkehrsmittel, bei denen der Fahrer sich geweigert habe, eine Rampe rauszufahren, auf verbale Anmache durch Fahrgäste in der Straßenbahn, auf „schwierige" Behördengänge und den fehlenden Respekt für das Anderssein.


Sigrid Arnade, die sich seit vielen Jahren aktiv für die Rechte behinderter Menschen einsetzt, verwies unter anderem auf das Grundgesetz und das verankerte Diskriminierungsverbot. Und sie gab den Gästen Hinweise, wie sie auf Diskriminierungen reagieren sollten: „Mit Schlagfertigkeit, Sie können aber auch Anzeige erstatten oder Selbstverteidigungskurse für Behinderte besuchen", zählte die Expertin auf. Ganz wichtig seien der Austausch mit anderen sowie der Mut und der Wille, für die eigenen Rechte zu kämpfen.


Während die meisten Gäste zustimmend nickten, gab es auch kritische Stimmen: „Was ich hier höre, klingt für mich alles sehr theoretisch und funktioniert in der Praxis doch nicht", warf eine junge Frau ein.


Zufrieden mit der ersten Veranstaltung dieser Art in Hoppegarten zeigte sich dagegen Hans-Jürgen Malirs. „Es wird sicher noch mehr solche Treffen geben, allerdings erwarte ich im Vorfeld mehr Entgegenkommen vom Integrationsamt", erklärte der Behindertenbeauftragte. Aus „datenschutzrechtlichen Gründen" hätten ihm die Mitarbeiter nicht die Adressen der Hoppegartener Behinderten herausgegeben. „Das bedauere ich sehr, denn ich wollte sie alle anschreiben und persönlich zur Veranstaltung einladen", sagt Malirs.


Der Hönower Ortsvorsteher Christian Klahr fand: „Der Nachmittag war ein guter Anfang, auch ich wünsche mir, dass beim nächsten Mal noch mehr Interessierte teilnehmen."



BU: Hans-Jürgen Malirs, Hoppegartens Behindertenbeauftragter, berichtete von seinen eigenen Erfahrungen.     Foto: BAB/bey


 



 


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