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Datum: 13.11.2018
Rubrik: Gesellschaft

Geschichte sichtbar machen

Am vergangenen Freitag wurden drei weitere Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Mitbürger in Eberswalde verlegt

Eberswalde (hs). Die Geschichte der Juden in Eberswalde reicht weit zurück. Bereits 1407 wurde eine Jodenstraße in Eberswalde erwähnt. 1696 erhielten jüdische Familien die Erlaubnis, sich in Neustadt-Eberswalde niederzulassen. Seitdem prägten Bürger mit jüdischem Glauben das Stadtbild der Waldstadt. So lebten in den 1930er Jahren mehr als 30 jüdische Familien in der Eberswalder Innenstadt. Aber was erinnert heute, 80 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen der Reichspogromnacht, an die jüdischen Mitbürger?

Bedauerlich für das kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben heutzutage ist, dass es in Eberswalde keine jüdische Gemeinschaft mehr gibt. Niemand der wenigen überlebenden Bürger jüdischen Glaubens, die den Schrecken des zweiten Weltkrieges überlebt haben, mochte in die Waldstadt zurückkehren. Zu groß war die Enttäuschung über das Schweigen der meisten Eberswalder in den Zeiten der Judenverfolgung.

Umso wichtiger sind Gedenk-orte wie der am Standort der alten Synagoge, die am 9. November 1938 niedergebrannt wurde.

Wer aufmerksam durch die Stadt läuft, ist vielleicht auch schon einmal über einen der kleinen Gedenksteine gestolpert, die an verschiedenen Orten in der Stadt im Gehweg eingelassen sind. 36 dieser Stolpersteine wurden seit 2013 verlegt. Sie erinnern an jüdische Mitbürger, die in den jeweiligen Häusern bis zu ihrer Vertreibung oder Flucht gewohnt haben. Drei neue Stolpersteine sind am vergangenen Freitag anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht dazugekommen. In der Eisenbahnstraße 83 erinnert nun ein Stein an Benno Gutkind. Der zwölfjährige Tayo, Schüler der Freien Montessorischule, erzählte bei der Verlegung des Gedenksteins kurz etwas zum Leben Benno Gutkinds, der bis etwa 1938 dort gewohnt hat, bevor er nach Berlin gezogen ist. Die Hauptstadt versprach Ende der dreißiger Jahre eine gewisse Anonymität und damit Schutz vor Verfolgung. Allerdings erfüllte sich dieses Versprechen nicht. 1942 wurde Gutkind nach Theresienstadt depotiert, wo er am 31. Januar 1943 verstarb. Ein Schicksal, das er unter anderem mit Hermann Lefebre teilte. Lefebre wurde 1869 geboren und wohnte von 1920 bis zu seiner Deportation 1942 in der Breiten Straße 35. Er war bis zum Schluss für die jüdischen Friedhöfe in Eberswalde zuständig. So kümmerte er sich auch noch im hohen Alter um die Beerdigungen, wenn jemand aus der immer kleiner werdenden jüdischen Gemeinde verstarb. Lefebre verstarb am 17. Dezember 1943 im Alter von 74 Jahren in Theresienstadt. Auch an ihn erinnert nun ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus.

Der dritte Stein, der am vergangenen Freitag verlegt wurde, ist Berta Kleinicke gewidmet. Ähnlich wie Gutkind zog Berta Kleinicke 1938 nach Berlin und wohnte bis zur ihrer Deportation 1942 in einem jüdischen Altersheim. In Eberswalde war sie in der heutigen Carl-von Ossietzky-Straße 2 zu Hause. Gestiftet wurde dieser Stolperstein von Brigitta Heine, Leiterin des Barnimer Kreisarchivs. Sie hat sich bewusst für Berta Kleinicke entschieden, denn ihr ist es wichtig, das auch an relativ unbekannte Opfer der Judenverfolgung erinnert wird. Zwar war Kleinicke die Frau eines höheren Beamten der Bahn gewesen, lebte aber zurückgezogen.

Erfreut zeigte sich Heine von dem Engagement von Tayo und seinen beiden Schulkameraden Jaro (11) und Ivo (10), die bei allen drei Verlegungen der Gedenksteine dabei waren. Durch ihre Erzieherin Ellen Grünwald, die sich seit rund 15 Jahren intensiv in ihrer Freizeit mit der Geschichte der Juden in Eberswalde beschäftigt, wurden die drei Jungs auf dieses Thema aufmerksam. Grünwald ist es ein Anliegen, junge Menschen für diesen wichtigen Abschnitt der deutschen und der Eberswalder Geschichte zu sensibilisieren. Ein wichtiges Unterfangen, gerade in Zeiten wachsenden Antisemitismus. (Bildquelle: Blitz/km)

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