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Datum: 07.10.2018
Rubrik: Gesellschaft

Abschied vom Vater nach 73 Jahren

82-Jährige reist aus St. Petersburg nach Altlandsberg, wo ihr Vater 1945 in den letzten Kriegstagen verstarb

Altlandsberg (sd). Viele Menschen haben in Kriegen Angehörige verloren, ohne sich von den Geliebten verabschieden zu können oder mehr als eine Sterbeurkunde in Händen zu haben. Eigens aus St. Petersburg kam kürzlich die Tochter eines gefallenen sowjetischen Soldaten nach Altlandsberg, um Abschied zu nehmen.

Im Mai 1945 dominierte das Ende des zweiten Weltkriegs das Leben zahlreicher Menschen in Europa. Während viele Bekannte und Nachbarn, die mit der Roten Armee ins Feld gezogen waren, nach und nach zurückkehrten oder Nachrichten nachhause schickten, wartete die damals neunjährige Liudmila vergeblich auf die Rückkehr ihres Vaters. Noch im November 1943 konnte sie während eines kurzen Urlaubs mit ihrer Mutter per Schiff über die Wolga zu ihrem Vater reisen. „Die Soldaten haben sich riesig gefreut, dass ich da war. Als Kind gab ich Ihnen wohl Hoffnung und Mut. Sie verwöhnten mich und trugen mich umher“, erinnert sich die heute 82-jährige Liudmila Reykher noch gut.

Am 16. Mai 1945 schließlich erreichte die Familie ein schicksalhaftes Schreiben: Aleksej Wasiljewich Sacharow war am 23. April 1945 seinen Verletzungen erlegen. Der junge Mann würde also niemals zu seiner Familie zurückkehren. Wie viele andere auch, die zur „Verteidigung des Vaterlandes und Befreiung von den Nazis“ an die Front gezogen waren. Mit militärischen Ehren wurde der Gefallene gemeinsam mit weiteren Kameraden „500 Meter südlich der Kirche in Altlandsberg in der Brandenburgischen Provinz“ beigesetzt, wie aus dem Schriftstück hervorgeht.

Nicht nur der heutige Altlandsberger Bürgermeister Arno Jaeschke erinnert sich noch an den russischen Ehrenhain, der sich lange Zeit an Stelle des heutigen Marktplatzes befand. „Im Mai 1992 wurden die sterblichen Überreste der gefallenen Soldaten umgebettet“, erklärt Horst Hildenbrand, der in seiner Rolle als Nachtwächter dem stillen Gedenken beiwohnte. Dabei deutete Hildenbrand direkt neben den Gedenktafeln, die zahlreiche Namen hier Beigesetzter tragen, auf eine Grünfläche.

Über 300 Namen russischer Gefallener, die hier beigesetzt wurden, sind bislang bekannt. „Gemeinsam mit der russischen Botschaft haben wir weiter recherchiert und weitere Namen herausgefunden“, so Arno Jaeschke. Im Rahmen der Neugestaltung des Denkmals der russischen Gefallenen sollen daher neue Platten und mehrsprachige Stelen entstehen. Außerdem werden Sitzbank, Metallzaun, Birke und Flieder gesetzt. „Es soll würdiger werden“, ergänzt Jaeschke.

Bereits seit Jahren hatte Liudmila Reykher den Wunsch, nach Altlandsberg zu reisen, das sie bisher nur von der Sterbeurkunde her kannte. Zu Zeiten der Sowjetunion wurden mehrere Reiseanträge verweigert oder blieben unbeantwortet, und auch über das Rote Kreuz verliefen mehrere Versuche nach Altlandsberg zu reisen, im Sande. Eher durch einen glücklichen Zufall stellte Liudmulas Sohn Arsenij Kontakt zu Vera Kravchik her, die mit ihrem Freund Wolfgang Müller in Berlin lebt. Im Sommer verschlechterte sich der Gesundheitszustand Liudmila Reykhers, sodass Eile geboten war. Sohn Arsenij organisierte gemeinsam mit Müller und Kravchik den mehrtägigen Aufenthalt der drei St. Petersburger in Berlin. Gemeinsam ging es einen Sonntagmittag nach Altlandsberg, um der 82-Jährigen ihren lang gehegten Wunsch zu erfüllen.

„Ich bin sehr froh und dankbar, hier sein zu können. Mein Vater liegt hier mit seinen Kameraden, hat seine letzte Ruhe gefunden. Gleichzeitig ist hier ein deutliches Plädoyer gegen den Krieg, das noch weiter entwickelt werden soll“, formuliert Dolmetscherin Vera Kravchik die Ausführungen Reykhers. Daneben ließ Reykher dem Stadtarchiv eine Kopie der Sterbeurkunde ihres Vaters da.

BU: Stilles Gedenken: Liudmila Reykher (Mitte) kann sich nach Jahren von ihrem Vater verabschieden. Ihr Sohn Arsenij (rechts) stellte den Kontakt zu einem Berliner Paar her und organisierte die Reise mit.     Foto: BAB/sd

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