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Datum: 18.11.2019
Rubrik: Gesellschaft

Auch nach 81 Jahren immer noch aktuell

Gedenken der Novemberpogrome

Strausberg (sd). Alljährlich wird zum Pogromgedenken an den Jüdischen Friedhof geladen. Auch wenn nicht viele zum Gedenken erscheinen, machte Gastrednerin Caroline Haitsch-Berg deutlich, wie aktuell Antisemitismus nach wie vor ist. Rund 50 Gäste kamen zum Pogromgedenken an den Jüdischen Friedhof, viele auch, um Blumen niederzulegen. Nicht viele nutzen den Tag, um der Opfer zu gedenken, erinnerte Bürgermeisterin Elke Stadeler und zeigte sich zugleich froh, auch jüngere Gesichter unter den Besuchern zu entdecken. Unter ihnen auch Kurt Schornsheim und Hella Sander, denen Stadeler für ihre Erlebnisberichte aus jener Novembernacht 1938, dankte. „Über sechs Millionen ermordete Juden dürfen auch bei 30 Jahren Mauerfall nicht vergessen werden. Erinnern heißt auch zu warnen, was Hysterie bedeutet und welchen Schaden sie anrichten kann“, so Strausbergs Bürgermeisterin weiter.

Dass immer weniger „unter uns weilen, die sich erinnern“, leitete Gastrednerin Caroline Haitsch-Berg ein. In ihren Ausführungen griff die Pressesprecherin der Stadtverwaltung eine Umfrage des Zeit-Magazins auf. 120 14- bis 19-Jährige verfassten dabei Aufsätze, in denen sie ihre Haltung zur NS-Zeit widerspiegelten. Einige Beispiele gab sie exemplarisch wieder.

So schrieb ein Achtklässler von einem Besuch mit seiner Familie in Auschwitz/Birkenau und wie schockiert er angesichts der Gräuel war. „Ich weiß jetzt, wie gut ich es eigentlich habe, und dass ich mich für mein Land schämen sollte, auch wenn ich nichts dafür kann“, schließt Jonas Kollmann. Gedenken und Erinnern seien wichtig, doch müsse „zwischen dem damaligen und dem heutigen Deutschland differenziert werden“, schreibt ein Zwölftklässler. Oft scheine es, als müssten sich Deutsche ducken, wenn es um bestimmte Tabuthemen gehe. Vor allem der Blickwinkel und die Perspektive der Betrachtung müssten andere werden, so Louis Kapp weiter. „Als deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund“ mahnt Enes Altunbas, wie die „Menschen blauäugig vieles nichts gesehen haben wollen“. Der Jugendliche macht seine Skepsis gegenüber manchen Politikern deutlich und seine Angst, nach einer gewissen Zeit würden Schmerz und Fehler vergessen, vielleicht sogar wiederholt.“ Unsere Generation weiß doch über alles Bescheid“, beginnt die 15-jährige Pauline Victoria Sander. Doch dann würden die Jugendlichen mit dem Wissen allein gelassen, biete niemand einen emotionalen Zugang zu den Geschehnissen. Auf seine Empfindungen, nachdem er zum dritten Mal über die Ereignisse des Holocausts hörte, schildert Johann Franz Palacios (18) und kommt ebenfalls zum Schluss: „Ich wusste, dass der Holocaust schlimm war, konnte es aber keineswegs spüren.“

„Sie wissen Bescheid, haben aber einen großen emotionalen Abstand“, fasste Haitsch-Berg zusammen. Dabei ist Antisemitismus heute wieder und noch aktuell, auch wenn viele glauben, dass Vergangenes nicht mehr möglich sei. Doch die steigende und hohe Zahl registrierter Anfeindungen und Übergriffe mit antisemitischem Hintergrund sprechen eine andere Sprache. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, doch vor allem erschrecke auch die Gleichgültigkeit der Umstehenden. „Auch wenn wir es meistens ausschließen, ist die Gefahr immer da“, mahnte Elke Stadeler und appellierte: „Reden Sie darüber, wann immer Sie können.“

Nachdem Blumen und Kränze niedergelegt wurden, berichtete Hella Sander kurz aus ihren Kindheitserlebnissen vom 9. und 10. November 1938. „Auch wenn ich damals noch klein war, waren diese Erlebnisse so grausam, dass ich sie mein ganzes Leben nicht vergessen kann“, schloss Sander. Nach dem offiziellen Teil nutzten viele den nebelig-trüben Samstagvormittag, um ins Gespräch zu kommen, neue Eindrücke und Perspektiven auf Vergangenes und Aktuelles zu erhalten.

Caroline Haitsch-Berg (rechts) zeigte, wie aktuell Judenfeindlichkeit noch immer ist.Fotos: BAB/s

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